Classic Cars

& Stories

Every picture tells a story … aber eigentlich erzählt jedes Bild sogar mehr als nur eine Geschichte. 
Und jeder Betrachter und jede Betrachterin entwickelt eigene Assoziationen zu den Motiven. Anlässlich meiner Ausstellung in der Sydbank Hamburg habe ich verschiedene Autoren und Autorinnen gefragt, was ihnen zu meinen Bildern einfällt. Hier können Sie einige dieser literarischen Miniaturen nachlesen!

NIEMAND WILL DEN HUND BEGRABEN
Was er in diesem Moment nicht wissen konnte: Hier wurde gerade für die nächsten acht Monate das Licht ausgeknipst. Es war irgendwas mit nasser Kälte, die aus der durchweichten, plattgedrückten und ungemähten Wiese nach oben stieg und alles durchdrang: die Schweller eine Handbreit darüber, den Fußraum mit den üppig weichen Matten, die ledergepolsterten Sitze, die Beine des Fahrers. Das 7-Bit-Farbdisplay des Mobiltelefons — ein Federgewicht im Vergleich zu den Geräten des C-Netzes wenige Jahre zuvor — leuchtete schwach braungrün. „Sonnenuntergang 18:04h“ war dort zu lesen. Was denn sonst.
MARKUS HAUPT

LITTLE JAMES
„Ja, Darling, habe ich aus der Reinigung geholt. Der Fleck auf der Golfhose ist kaum noch zu sehen. Ja, Steak und Scampis sind bestellt. Die Verbindung ist so schlecht, was sagst du? Ach so, den Glenburgie natürlich, fünf Flaschen. Die Whittakers? Wenn du meinst, dann rufe ich sie noch an. Nein, der Gärtner kommt erst nächste Woche. Sicher. Ganz sicher.“
IRIS SOLTAU

CRYSTAL
Vielleicht hätte ich nicht sagen sollen, dass es mich anwidert, wie sie ihre Pizza schneidet. Aber ich ertrage sowas einfach nicht. Man isst doch vom Rand zur Mitte und nicht umgekehrt! Und dass ich alle Triumph-Dessous im Kofferraum habe, die zwischen 1953 und 1972 auf den Markt gekommen sind, muss sie doch beeindruckt haben. Da hätte sie doch von profitieren können! Für das halbtote Reh auf dem Rücksitz gab es ja eine gute Erklärung. Ich dachte wirklich, sie würde zurückkommen.
TATJANA DÜBBEL

HEART ATTACK MAN
„Nelkenrot, Lippenstiftrot, Erdbeerrot, Merinorot, Rosenrot, Karminrot, Brillantrot, Mohnrot, Kirschrot, Paprika, Saturn oder Scharlach? Tomate, Tizian, Purpur? Grenadier, Faluner, Rubin, Zinnober – oder vielleicht doch Koralle?“ „Das ist mir scheissegal“, hatte er in die Muschel gebrüllt. „Irgendein rot halt. Meine Güte, das kann doch nicht so schwer sein.“ Die Wut rauschte so stark in seinen Ohren, er konnte kaum seine eigenen Worte hören. Am Ende wurde es Pariser Rot. Auch gut. Eine Frage, die lange noch in ihm pochen sollte: „Was, wenn er doch Blau genommen hätte …“
INGO SCHEEL

CANDY APPLE GREY
Zwei Oberhemden, gestärkt. Sechs paar lange Unterhosen, ein Suspensorium, unbenutzt. Zwei Krawatten, beide von Charles Tyrwhitt in der Jermyn Street. Die dunkelroten Chelsea Boots, die sie ihm geschenkt hatte. Schuhe zertrampeln die Freundschaft. Zweimal hatte er sie angezogen, einmal zum Dinner bei McCall’s, einmal nur so zum Spaß, nackt auf dem Balkon. Ihr Lachen hörte er jetzt noch. Ein leeres Portemonnaie, eine Geldklammer mit drei Zehn-Euro-Scheinen. Dazu die silberne Brosche mit den Initialen, eine Packung Streichhölzer. Und der Kanister im Kofferraum.
INGO SCHEEL

MEINE BESSERE HÄLFTE
Lieber Jimmy, du hast mein Leben verändert! Dein Sound hat mich in eine neue Welt geführt. Auf einmal wusste ich, dass alles möglich ist. Auch für mich. Du warst mein Flötenspieler … wo wäre ich heute, wenn ich dein Gitarrensolo nie gehört hätte? Aber jetzt sind wir Nachbarn. Und ich brauche meine Ruhe. Vielleicht kann ich nicht mit einem Wort bekommen, was ich will. Aber meine Anwälte können es. Dein Robbie – P.S.: Und schneide endlich deine beschissene Hecke!
TATJANA DÜBBEL

KOWALSKI
Die Breguet zeigte ihm die verbleibenden Minuten exakt an. Bald würde das Ultimatum abgelaufen sein. Die Nervosität der anderen konnte ihn nicht anstecken. Er freute sich direkt aufs Feuerwerk, und der Wagen war entsprechend präpariert. Ginge es nach ihm, bräuchte Kowalski in diesen letzten Minuten auch nicht mehr zu kommen. Schade um den Italiener.
STEPHAN DOMSCHKE

TEMPLE OF YOUR DREAMS
Ja, Scheiße, verfahren. Wer eine Oldtimer hat, hat halt auch selten ein Navi. Es würde doch null Sinn machen, einen auf nostalgisch zu machen und dann aber jede einen aus der Verantwortung und Selbständigkeit der Welt entlassenden Annehmlichkeit des modernen Lebens für sich in Anspruch zu nehmen. Abgesehen davon, dass selbst heute in der Pampa Mecklenburg-Vorpommerns mehr Verbindungslöcher als Seen existieren. Wer das leugnet, empfindet auch Andreas Scheuer als eine Mischung aus Bescheidenheit und Kompetenz. Also: NUR Vollpfosten würden das leugnen. Und Vollpfosten brauchen diesen Text auch nicht zu Ende lesen, sondern können gleich weiterwackeln zum nächsten Bild (“Ah, interessant, was soll mir das jetzt sagen? Das Fehlen des Menschen als Verbindung zwischen Natur und nostalgischer Technik?”) oder alte Gags bringen (“Und was ist das für eine Skulptur?…Ach, das ist der Feuerlöscher, hahaha”) oder gucken, ob es irgendwo noch Gratis-Sekt gibt… Ist er weg der Vollpfosten? Ist er weitergewackelt mit seinem bis zum Hodensack reichenden Hipsterbart und seiner skurill-lustigen Hornbrille? Okay, dann kommen Sie näher.
Ja, weil das nur Sie und mich was angeht.
Also, das ist unser Geheimnis.
Ich hatte mich verfahren. Und zwar so übel, dass irgendwann mitten in der Pampa der Tank leer war. Und ich musste zu Fuß weiter. Und das Gehen fand ich so schön, dass ich mir dachte, wozu brauchst du überhaupt ein Auto. Da hab ich es einfach stehenlassen. Und ich find’s geil!

DOMINIQUE SCHNIZER

PEACE & TRANQUILITY
Dort, wo ich früher Zeitung ausgetragen habe, gab es an einem Haus ein Klingelschild mit der Aufschrift ,M. Fry‘. Ich stellte mir jedes Mal vor, dass hier Martin Fry wohnt, ,der‘ Martin Fry. Immer donnerstags hört er, wie ich an den Briefkästen klappere, wartet, bis sich meine Schritte entfernen, geht dann im seidenen Morgenmantel hinunter an den Haupteingang. Nimmt den ,Express‘ aus seiner Box, geht wieder hinauf in den zweiten Stock. Blättert im Annoncenteil, nippt am Tee. Und schreibt das Lied weiter, an dem er seit ein paar Tagen arbeitet. “My Pride my Joy, My Chance to taste Happiness, My Girl my Boy, Take me to the Place I love best …”
INGO SCHEEL

DON’T BRING ME DOWN
Wie kann es denn sein, dass so eine Nacht, in der die Steine eckig werden und alles andere rund, in der keiner mehr weiß, wo einer anfängt und der andere aufhört, in der ein einziger Blick alles sagt, was jemals gedacht worden ist, wie kann es denn sein, dass diese Nacht so schnell vorbei ist … aber die Sonnenstrahlen bohren sich gnadenlos durch die Zweige und du musst dich entscheiden.
TATJANA DÜBBEL